Pierre Stutz: „Wie ich der wurde, den ich mag“

Weisheits-Journal

Ausgabe

04/2023
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Pierre Stutz: „Wie ich der wurde, den ich mag“

„Die Selbstliebe ist jenes Fundament, in dem wir eine göttliche Segenskraft erfahren können, die uns alltäglich bestärkt, uns auch für die Menschenrechte und den Schutz der Natur einzusetzen, als Weg zum Glück“, schreibt Pierre Stutz in seiner gerade zu seinem 70. Geburtstag erschienenen Biografie, die er „Wie ich der wurde, den ich mag“ genannt hat.

Was für ein Titel! Zum 70.! Denn es ist ja nun mitnichten so, dass andere Menschen Pierre Stutz nicht mögen würden: Der (suspendierte) Priester und spirituelle Lehrer Pierre Stutz hat über 40 Bücher geschrieben, mehr als eine Million Mal sind sie verkauft worden. Von Anfang an haben seine Bücher viele Menschen bewegt, berührt – und auf ihrem eigenen Weg ermutigt und gestärkt. Pierre Stutz bekommt mannigfaltige positive Rückmeldungen. Die Menschen lesen nicht nur seine Bücher, sie schreiben ihm, sie wollen von ihm lernen. Seine Kurse sind beliebt und sehr gut besucht.

Aber mit der Selbstliebe scheint es auch nicht anders zu sein als mit der Liebe. Oder, wie es im Korintherbrief (1 Kor 13) heißt: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. (…) wäre ich nichts.“ Pierre Stutz weiß das. Natürlich. Er, der bei den Mystiker:innen Trost und Zuspruch und auch Hilfestellung findet, weiß: „So können mir Hunderte ihre Wertschätzung und Anerkennung ausdrücken, es genügt nie, weil mein Dasein wie ein Fass ohne Boden ist. Noch so viele Erfolgserlebnisse können mir nicht jenen inneren Frieden schenken, nach dem ich mich so sehr sehne.“

Pierre Stutz gibt seine Sehnsucht nie auf. Damit sie sich erfüllen kann, hat er einen harten Weg vor sich, von dem er in seiner Autobiografie jetzt rückblickend erzählt und ihn in seiner ganzen Härte und den schier unerträglichen Schmerzen nachvollziehbar macht.

Pierre Stutz im Weisheits-Talk

Am 23. Januar 2024 um 19:30 Uhr findet der nächste Weisheits-Talk per Zoom statt.

Pierre Stutz erzählt von seiner Biografie und davon, was ihn auf seinem Weg ermutigt und gestärkt hat.

Weil manche Wunden Perlen sind

Dass Perlen aus Wunden entstehen, ist bekannt und könnte wie ein hohler, vielleicht auch höhnischer Kalenderspruch wirken. Nicht aber, wenn Pierre Stutz das Bild benutzt. Wenn er von seinen Wunden schreibt, werden Angst und Verlorenheit, Verzweiflung und Zerrissenheit, Schmerz und Panik, Einsamkeit und Kälte immer neu fühlbar. Pierre Stutz hat sich, um der Sehnsucht nach Leben und Liebe willen, weder in seinem Leben geschont noch schont er sich bei der Erinnerung.

Und so geht der oder die Leserin den Weg des kleinen Pierres, der 1953 in der Schweiz als Frühchen geboren wird, noch einmal mit. Erlebt, wie der Vater am Tag der Geburt zum Bürgermeister gewählt wird – und die Familie fortan auf dem Präsentierteller lebt. Erlebt die Fürsorge und die Tatkraft der Familie, aber auch die Schattenseiten der Empathie: „Dankbarkeit und Fürsorge, Mitgefühl als Weg und eine lähmende Konditionierung, die sich auf die Meinung der anderen fixiert.“ 

Kindheitsverwundungen kann man nicht wegmeditieren

Der kleine Pierre ist 6 Jahre alt, als er in eine Falle gelockt wird, brutale, sexuelle Gewalt erfährt. Weil er niemanden davon erzählen kann, wird sein Vertrauen zerstört, Nähe wird zum Problem. Pierre Stutz verliert seine Kindheit, und es wird über 3 Jahrzehnte dauern, bis er sich der Wunde erinnernd stellen kann.

Für Pierre Stutz wie für uns alle gilt: „Unsere tiefsten Kindheitsverwundungen können wir nicht einfach wegmeditieren, sondern wir können dank der Mediation nochmals durch den Schmerz hindurchwandern, um immer  mehr zu erleben, viel mehr zu sein als tiefste Verletzungen.“

Kampf gegen die eigene Natur, gegen die eigene Homosexualität

Mit dem Besuch eines Jahresinternats bricht eine neue Wunde auf, „beginnt ganz subtil mein unerbittlicher Kampf gegen meine Homosexualität“. Ein Kampf, der fast 4 Jahrzehnte andauern wird. Und der so schmerzlich zu lesen ist, dass man es allen homophoben Menschen innerhalb und außerhalb von Religionen zur Pflichtlektüre machen möchte.

Auch allen homophoben Menschen innerhalb der katholischen Kirche natürlich, in der Pierre Stutz seine Heimat als Priester sucht. Und in der er, vor allem als Jugendseelsorger, so viel Erfolg hat. In der Mitte des Buches findet sich eine Bildergalerie. Und schon allein für das Bild, auf dem der junge Pierre Stutz mit Vollbart, langen Haaren, dunkler Brille und roten Socken bei einem Ostertreffen so hoch über die Köpfe der Jugendlichen springt, dass er zu fliegen scheint, würde es sich lohnen, das Buch zu kaufen.

Brüche werden zu Lebendigkeit

Ein erfolgreicher, leidenschaftlicher und schwuler Priester – Pierre Stutz hat gute Gründe, gegen seine Homosexualität anzukämpfen. Denn würde er sich zu seiner Sexualität bekennen oder sie gar leben wollen, verlöre er im selben Moment seine priesterliche Berufung, die ihm so wichtig ist und die ihn erfüllt. Es ist sehr berührend, diesen jahrzehntelangen Kampf mitzuerleben, all der sprudelnde Zuspruch im Außen, all die klirrend-schmerzliche Einsamkeit im Innern, wenn er abends zu Hause und auf Reisen in seinen oft an wunderschönen Orten gelegenen Zimmern sitzt und auf das Bett schaut, in das er alleine gehen muss.

Umso wahrer – von heute ausgesehen – der Spruch von den Perlen und den Wunden. Mit 48 outet Pierre Stutz sich mit einem öffentlichen Brief, der es als Nachricht ins Schweizer Fernsehen schafft. Mit 49 lernt er seinen heutigen Mann Harald kennen, seit 2018 sind die beiden verheiratet und leben nun in Osnabrück. Wie sehr Selbstliebe zur Nächstenliebe werden kann, hier als Ermutigung für andere, zeigt auch das Jahr 2022: Pierre Stutz zählt zu den Prominenten, die an der Aktion „#OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“ teilnehmen. Buch und Fernsehdokumentation treffen einen Nerv, lösen ein gewaltiges Echo aus und werden vielfach preisgekrönt.

„Ich bleibe ein Übender, ein Leben lang“

Mit seiner Biografie bleibt Pierre Stutz sich treu. Zeigt sich, seine Wunden, seine Unvollkommenheiten. Zeigt das so oft so mühsame Ringen um Zuversicht, Mut, um Selbstakzeptanz.

Er wäre aber nicht Pierre Stutz, wenn er seine Wunden und ihre Heilung nicht als Ermutigung begreift, als Aufforderung, nicht hinter Wachstumschancen zurückzubleiben und sich nicht durch andere blenden zu lassen.

Denn: „Es ist nie zu spät, so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei.“

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