Wie viel gemeinsame Wahrheit brauchen wir?

Weisheits-Journal

Ausgabe

01/2022
Weisheits-Artikel

Wie viel gemeinsame Wahrheit brauchen wir?

Kann Weisheit helfen, wenn wir zunehmend von Konflikten bedrängt sind, in denen Fakten und Meinungen, Fake News und Wahrheiten in einen giftigen Cocktail gemixt werden? Doch wenn wir schon über die Einschätzung eines Virus, einer Hitzewelle oder einer Gasknappheit uneinig sind, streiten wir natürlich erst recht darüber, welche Folgen unsere Einschätzungen haben sollen.

Was viele Fragen aufwirft: Wann ist eigentlich etwas wahr? Und ist das Gegenteil nur unwahr? Oder doch gleich eine Lüge?

Und überhaupt: Wie viel gemeinsame Wahrheit brauchen wir eigentlich, um gut miteinander zu leben?

Weisheitsgeschichte: „Der tanzende Lachs“

Was für eine Geschichte! Ein Mulla erfindet – einfach nur, weil er sich langweilt – tanzende Lachse auf dem Marktplatz. Ein Scherz. Eigentlich.

Warum er am Ende seinen Mantel nimmt, zum Marktplatz eilt, um selbst nach tanzenden Lachsen zu schauen, erzählt Zenmeisterin Doris Zölls in der Weisheitsgeschichte von den tanzenden Lachsen.

Diese Geschichte führt uns mitten ins Thema, mitten in die Wahrheit:

Einer Unwahrheit wird mysteriöserweise gegen jeden gesunden Menschenverstand so viel Glaubwürdigkeit zugeschrieben, dass viele Menschen auf die Straße gehen, weil sie glauben, die Lüge könnte vielleicht ja doch wahr sein. Respekt, welche Power Mulla Nasrudin da entfacht.

Warum wir Lügen glauben

Womit Mulla Nasrudin recht hatte, illustriert der Neurowissenschaftler Henning Beck im Deutschlandfunk, am Beispiel Trumps. Trump wiederholte so oft die Lüge, die US-Wahl sei gefälscht, dass immer mehr Menschen ihm die Lüge als Wahrheit glauben.

Henning Beck: „Aus rhetorischer Sicht macht er da eigentlich alles richtig. Denn wir wissen, man kann Menschen selbst die abstrusesten Dinge einreden, wenn man die halt nur oft wiederholt. Selbst den größten Quatsch, wie bei Trump in diesem Fall, führt dazu, dass die Leute es glauben: “Wenn also genug Menschen behaupten, dass Lachse auf dem Marktplatz tanzen, ist die Behauptung irgendwann so oft wiederholt worden, dass sie geglaubt wird.

Mehr dazu auf Wikipedia unter
Wahrheitseffekt und Wahrheitsurteile

Dieses Phänomen, dass durch Wiederholung Aussagen glaubhafter würden, ist in Studien belegt worden und wird Wahrheitseffekt * oder Illusory Truth Effect genannt. Und beschreibt das Phänomen, dass wir Aussagen, die wir schon mal gehört oder gelesen haben, für wahrer halten, als Aussagen, die wir zum ersten Mal hören. Noch beunruhigender: Diese Erkenntnis gilt für alles, was wir je gehört haben. Und: Obwohl wir die früher gehörten Aussagen gar nicht bewusst erinnern können, glauben dennoch, dass sie wahrer sind. Einfach weil nur weil wie sie schon mal gehört haben!

Wahrheit, die

1.

a)

das Wahrsein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit

b)

wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand

2.

Erkenntnis (als Spiegelbild der Wirklichkeit), Lehre des Wahren (1a).

Quelle: Duden

Dieser Wahrheitseffekt war offensichtlich schon im 12. oder 13. Jahrhundert bekannt. Wie alle guten Geschichten überspitzt und übertreibt auch die Geschichte der tanzenden Fische auf dem Marktplatz. Denn was wir heute wissen und das ist vielleicht die einzige Beruhigung: Der Wahrheitseffekt tritt vor allem dann auf, wenn eine Aussage stimmen könnte. Was bei tanzenden Fischen doch eher unwahrscheinlich ist.

Anders als beim Beispiel von Henning Beck zur gestohlenen Wahl von Trump. Trump spiele es in die Hände, dass eine Wahlmanipulation theoretisch ja nicht völlig ausgeschlossen sei. Und so könne er den Zweifel sähen, ob die letzte US-Wahl nicht doch gestohlen wurde.

Die tanzenden Lachse illustrieren also sehr anschaulich, dass eine Antwort auf die Suche nach der Wahrheit nicht einfach wird. Fängt die Schwierigkeit doch offensichtlich schon damit an, dass unsere Gehirne es grundsätzlich schwer haben, Wahrheit überhaupt zu erkennen.

Wobei, wir ja noch nicht mal geklärt haben, worüber wir hier eigentlich sprechen, also, was Wahrheit eigentlich ist.

Dabei scheint es auf den ersten Blick ja ganz einfach. Schließlich kann etwas nur wahr sein. Oder unwahr. Eins und eins ist zwei. Nicht eins und nicht drei. Eine Lüge ist die Unwahrheit, sonst ist sie keine Lüge. Auch einfach. Auf den zweiten Blick wird es aber schnell sehr unübersichtlich, weil sehr komplex.

Die Philosophie und die Wahrheit über die Wahrheit

Einen guten Überblick in dieser Komplexität verschafft uns der Philosoph Peter Vollbrecht in seinem sehr empfehlenswerten Essay „Ein pluralistischer Zugang zum Wahren“, in dem er über Wahrheit in den Naturwissenschaften, in der Philosophie, in den Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien, in Psychologie, Spiritualität und Ethik schreibt.

Sobald man die Wahrheit genauer betrachtet, wird es philosophisch. Fokussieren wir deswegen auf das, was Peter Vollbrecht über seine eigene Zunft, die Philosophen, schreibt: „Sie dachten darüber nach, was denn – bitteschön! – die Wahrheit sei, von der so oft die Rede ist. Sie suchten also die Wahrheit über die Wahrheit? Das geriet zum irrwitzigen Unterfangen.“

Irrwitzig hin oder her, jahrhundertelang haben Philosophen diesem Irrwitz ihre Lebenskraft verschrieben. Peter Vollbrecht nimmt uns leichtfüßig mit durch die Jahrhunderte: „Zu großer Berühmtheit hat es Platon mit seinem Höhlengleichnis gebracht, das die Wahrheit als den Aufstieg aus der Welt der Schatten zur Lichtgestalt der Ideen beschreibt. Aristoteles senkte das idealistische Niveau Platons wieder ab und richtete die Wahrheit an den Dingen aus: »Derjenige ist im Irrtum, der anders denkt als die Dinge sich verhalten.«

Von Thomas von Aquin sei schließlich die klassische Formel der sogenannten Korrespondenztheorie der Wahrheit überliefert: „Wahrheit ist die Übereinstimmung von Sache und Erkenntnis – man erkannt, was ist: »adaequatio rei et intellectus« Das klingt handfest und plausibel, und zudem holt es uns beim common sense ab.“

Wie schön wäre es, wenn mit diesem common sense, diesem gesunden Menschenverstand, unsere Probleme gelöst wären. Sind sie aber nicht. Denn bevor wir die Wahrheit als Übereinstimmung von Sache und Urteil feststellen können, müssen wir uns wohl oder übel sowohl auf die Sache, als auch auf das Urteil einigen können. Vollbrecht fragt deswegen: „Wie stellen wir denn fest, dass unser Urteil mit den Sachen übereinstimmt?“

Tja, wie wir feststellen, ob unser Urteil mit den Sachen übereinstimmt, scheint die Gretchenfrage in Bezug auf unser Thema, wie viel gemeinsame Wahrheit wir brauchen, zu sein. Schließlich, ha, Corona, Krieg und Klimakatastrophe! Bei all diesen Themen ist doch gerade das Problem, dass wir uns weder auf die Sache selbst, noch auf eine Einschätzung der Sache einigen können.

Zudem dämpft Vollbrecht zusätzlich den Optimismus, wir könnten leicht eine gemeinsame Wahrheit feststellen, in dem er mal kurz auf all die Parameter verweist, die sowohl die Sachen, als auch die Urteile beeinflussen: „Die ›Übereinstimmung mit den Sachen‹ bauscht sich folglich auf im Wind vieler kultureller Narrative. Und was dort alles die Strippen zieht im Hintergrund: Gefühle und Evidenzen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfahrungen jedweder Art – kurzum der ganze Apparat einer ›weichen Software‹, mit der wir Welt erleben und verarbeiten, die uns Welt verstehen lässt.“ Wenn wir nur ganz kurz daran denken, wie anders wir die Welt wahrnehmen, ob wir gerade verliebt oder frisch verlassen sind. Oder ob wir gelassen sind. Oder gereizt weil wir zulange nichts gegessen haben und unterzuckert sind, die Kinder einen Magendarminfekt haben und wir drei Mal Kinderbetten in der Nacht beziehen mussten, dann braucht es nicht viel Phantasie, dass noch viel mehr in diese „weiche Software“ in unseren Gehirnen hineinspielt.

Hoffnung sieht Vollbrecht zumindest für die Fakten im Bereich der Naturwissenschaften: „Aber zeigt nicht gerade der Fortschritt in den Wissenschaften, dass unsere Erkenntnisse immer besser mit den Sachen korrespondieren? (…) Hier werden strenge Kausalketten mit ebenso strenger Mathematik abgeschritten. Experimente müssen wiederholbar und überprüfbar sein, was den steten Kontakt der Forschung zur Empirie vor Manipulationen schützt.“

Bevor wir jetzt erleichtert aufatmen, weil wir glauben, die Naturwissenschaften seien der Weg zur Wahrheit, lassen wir uns wir uns ein letztes Mal von Vollbrecht warnen: „Selbst in den Naturwissenschaften sind die Fakten nicht frei von Interpretationen, denn sie stecken dort in Modellen mit begrenzter Haltbarkeit: Kopernikus löste Ptolemäus ab und wurde seinerseits von den azentrischen Weltbildern gestürzt.“

Wolken und Mond sind eins,
Berge und Täler verschieden.
Alles ist gesegnet
10 000fach gesegnet
Ist dies eins?
Sind dies zwei?

Meister Mumon

Auch wenn die Erkenntnis vielleicht keinen Spaß macht, halten wir fest: Mit der Wahrheit ist es kompliziert.

Wer sich vor lauter Kompliziertheit denkt: Auf den spirituellen Wegen, um die es in unserem Weisheitsjournal ja ebenso gehen soll, wie um die Wissenschaften, läge mit der Weisheit auch die Wahrheit handlich abgepackt als Wegzehrung bereit – der sei alarmiert: Leicht(er) wird es mit der Wahrheit auf dem spirituellen Weg nämlich mitnichten.

Die Wahrheit auf dem spirituellen Weg

„Wahrheit und Spiritualität“ mit Doris Zölls und Petra Wagner

Weil die Wahrheit auf den Weisheitswegen eine große und eine komplexe Rolle spielt, hat die West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung der „Kunst der Wahrheit“ ein ganzes Symposium gewidmet. Einig sind sich östliche und westliche Weisheit auf diesem Symposium, dass es nicht eine, sondern unzählige Wahrheiten gebe. So sagt die Zenmeisterin Doris Zölls zur Wahrheit: „Es gibt unzählige Phänomene, sie erscheinen und gehen, wie die Wellen am Meer. Und dennoch gibt es den Ozean. Der Ozean zeigt sich in den Wellen. Er ist nicht getrennt von den Wellen. Sondern wir können den Ozean immer nur erleben in den Wellen. Und so gibt es die Wirklichkeit, das Leben, nur in den Wahrheiten. Aber nur in diesem Moment.“

Ganz ähnlich antwortet die Kontemplationslehrerin Petra Wagner auf die Frage nach der Wahrheit: „Mit einem einfachen Ja oder Nein ist das nicht zu beantworten. Das ist unmöglich. Vordergründig gibt es für mich so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Vielleicht sogar Wesen. Aber dem zugrunde liegt etwas, das einen anderen Kern hat. Das unberührt davon ist, wie wir Wahrheit empfinden, wahrnehmen, verteilen, sprechen, aufnehmen, was auch immer. Man könnte das auch Wirklichkeit nennen. Dem sich anzunähern, darum geht’s.“

Die beiden spirituellen Lehrerinnen unterscheiden also Wahrheit und Wirklichkeit. Doris Zölls hat dieser Unterscheidung einen ganzen Vortrag gewidmet. „Das Denken ist in unserer Vorstellung der traditionellen Sinne nicht als Sinn beschrieben“. Und doch sei das Gehirn ein Sinnesorgan und unser Denken eine Sinneswahrnehmung. Diesem Umstand trage das Zen Rechnung, hier werde das Denken als eine Wahrnehmung betrachtet. Allerdings als eine nicht objektive, denn „Das Gehirn nimmt die Gedanken je nach Prägung wahr.“

Der Blog mit dem Artikel ist hier zu finden.

Der Kontemplationslehrer Claus Eurich kommt in seinem Blog in einem Artikel über „Das Tor zur Wahrheit“ * zu dem Schluss, dass es die Wahrheit sehr wohl gäbe: „Mit Wahrheit tritt uns der Absolutheitsbegriff gegenüber. In sich duldet er keinen Widerspruch. Ihm obliegt das Ganze schlechthin, unabhängig von Zeit und Raum.“ Das Problem sei jedoch: „Der Mensch als das Bedingte, Relative, Zeitgebundene allerdings kann das Absolute nie vollständig umfassen. Und so mag es die Wahrheit geben, aber sie ist uns nicht zugänglich.“ Was hilft und als Option bleibt, sei uns der Wahrheit anzunähern und um sie zu ringen, „unter Zuhilfenahme von Reflexivität, Selbstreflexivität und Selbstoffenbarung, durch Prüfung und Gegenprüfung, durch Zweifel, Widerspruchstoleranz und Synthese“. Diesen nie endende Prozess nennt Eurich Wahrhaftigkeit.

Nach der Wahrheit in der Philosophie und in der Spiritualität zu suchen hilft gewiss, weniger gewiss zu sein, vorsichtiger im eigenen Umgang mit der Wahrheit zu werden. Vielleicht hilft es auch geschickter, mit den Wahrheiten von anderen umzugehen.

Aber was hilft das Wissen um die unzähligen Wahrheiten, wenn wir uns als Familie oder als Gesellschaft auf Sachen und Urteile einigen müssen?

Zwischen Meinungen und Fakten: die Wahrheit?

Dabei hat der Druck uns zu einigen enorm zugenommen. Die Lösung, die Familienfeiern oder auch ungeschriebene Smalltalk-Regeln, bevorzugen ist: Religion und Politik sind tabu. Oft werden gleich alle strittigen, emotionalen Themen ausgeklammert, damit das Verbindende, die familiären Bande, genossen werden, Begegnung stattfinden kann. Diese pragmatische Lösung mag solange gehen, wie so ein Familientreffen dauert, an dessen Ende alle wieder in ihre eigenen Leben zurückkehren.

In der Pandemie aber trafen die verschiedenen Meinungen und Wahrheiten plötzlich unvermittelt aufeinander. Auch in engen Beziehungen, wie zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern oder bei Paaren. Wenn Menschen ihren Alltag teilen, konnten Masken, Infektionen oder Impfungen kaum einfach totgeschwiegen werden.

„Wann man für die Wahrheit eintreten muss“ mit Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen,
Friedemann Schulz von Thun

Die Kunst des Miteinander-Redens

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Kurzum: Ganz gleich, wie schwierig die Sache mit der Wahrheit sein mag – in einer Familie, in einem Freundeskreis, auf der Arbeit, in Bus und Bahn, im Verein oder als gesamte Gesellschaft müssen wir mit den verschiedenen Wahrheiten umgehen.

Wo Not ist, wächst das Rettende. Aus den unterschiedlichsten Disziplinen der Wissenschaften kommen Vorschläge, wie wir uns trotz der Schwierigkeiten mit Wahrheitssuche besser einigen können.

Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen setzt zusammen mit Friedemann Schulz von Thun in ihrem gemeinsamen Buch auf Kommunikation und die Kunst des Miteinander Redens: auf bessere Dialogfähigkeiten, auf Empathie und zugleich auf Bereitschaft zur Konfrontation. Für Pörksen taugen hier weder der Realismus noch der Konstruktivismus.

Sein Ausweg ist der Situationismus. Als Situationist sieht er sich gefordert, jedes Mal genau hinzuschauen:

„Ich glaube, es gibt gar kein abstraktes Kriterium. Sondern wir alle sind eingebunden in Kontexte, Situationen, bringen unsere eigene Individualität mit. Ich suche in den letzten Jahren nach einer Kommunikationsethik, die es mir erlaubt, einerseits empathisch auf andere Positionen einzugehen, andererseits aber auch den Weg der Konfrontation zu gehen.“

Wenn sich Pörksen darüber hinaus eine „redaktionelle Gesellschaft“ wünscht, also eine Gesellschaft, in der nicht nur Journalist:innen, sondern alle Menschen Fragen nach Quellen stellen, danach, welche Informationen veröffentlichungswürdig sind z.B., ist er nah bei seinem Kollegen aus der Neurowissenschaft Henning Beck, der seine Hoffnung auf die Bildung setzt.

Beck sagt: „Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen weniger verführbar werden, wenn sie viel Allgemeinbildung haben“.

Katharina Nocun,
Pia Lamberty

True Facts

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Die Buchtitel der Sozialpsychologin Pia Lamberty (immer zusammen mit der Netzaktivistin Katharina Nocun), die zu Verschwörungsmythen forscht und publiziert, zeigen, wie ernst und wie groß das Problem eine gemeinsame Wahrheit zu finden für viele Menschen geworden ist.

Als Pia Lamberty 2020 das Buch „Fake Facts, Wie Verschwörungstheorien unser Denken“ bestimmen veröffentlichte, hat sie so viele Anfragen von Menschen zum Umgang mit Anhänger:innen der Verschwörungsmythen bekommen, dass sie 2021 gleich eine Fortsetzung geschrieben hat: „True Facts, Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft.“

Pia Lamberty sagt und schreibt immer wieder, dass es schon bei den Coronaprotesten von Verschwörungsideologen nie um Corona, sondern um einen Angriff auf die Demokratie ging. Das sei jetzt, bei der immer größeren Zustimmung im selben Milieu zu russischer Desinformation in Sachen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht anders.

Sehr differenziert gibt die Leiterin der Denkfabrik CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie) Tipps im Umgang mit Desinformation im privaten oder öffentlichen Bereich, unterscheidet, ob wir den Menschen offline oder online begegnen.

Sie warnt: „Das, was vielleicht harmlos, skurril aussieht, muss es nicht sein. Man darf nicht erst hingucken, wenn es radikal wird. Sondern man muss vorher verstehen, man muss vorher genau sehen, was sind gefährliche Versatzstücke, die Auswirkungen auf unsere demokratische Gesellschaft haben, die ja gerade von allen möglichen Seiten attackiert wird.“

Interessante Vorschläge macht auch der Philosoph Peter Vollbrecht. Er erweitert die Korrespondenztheorie, also die Übereinstimmung von Sachen und Urteilen, um die Lebenswelt der Menschen. Er fragt: „In welcher Weise lassen uns wahre Überzeugungen besser leben als irrige?“ Und antwortet: „Sie lassen uns mehr Verbindungen des Weltnetzes sehen. Sie erweitern unser Leben. (…) Der fähigere und bessere Mensch wird eine freiere und gerechtere Gemeinschaft realisieren: Das ist eherner liberalistischer Glaubensbestand.“

Und wenn es in diesem Journal um die Weisheit geht, die die spirituellen Wege doch hervorbringen wollen: Was tragen denn nun die spirituellen Lehren dazu bei, dass wir uns der Wahrheit annähern?

Die Zenmeisterin Doris Zölls setzt darauf, bei den Wahrnehmungen zu bleiben, denn dann: „entfaltet sich die Wirklichkeit von alleine. Und die Wirklichkeit ist verbindend, sie trennt nicht. Sie ist wirklich erfahrbar als große Weite, in dem alles Platz hat. Und da kann eine Gesellschaft existieren, weil sie existiert nicht dadurch, dass die Ichs sich durchsetzen, sondern dass die Wirklichkeit sich entfaltet.“

Bernd Groschupp, Zenlehrer und Richter am Oberverwaltungsgericht in Bautzen

Die große Frage, wie unsere Ichs so zurücktreten, dass die Wirklichkeit sich entfalten kann, kann so ein kleiner Artikel natürlich unmöglich beantworten.

Aber eine Spur legt einer, der es wissen muss. „Der spirituelle Weg kann aber auch helfen auf der Suche nach der Wahrheit“, sagt Bernd Groschupp.

Der Zenlehrer ist Richter am Oberverwaltungsgericht in Bautzen, also ein professioneller Wahrheitssucher und sagt:

„Die Praxis kann helfen, ein besserer Richter zu werden. Die spirituelle Praxis ermöglicht uns, weil wir unseren Geist beobachten, uns selber ein Stück weit kennen zu lernen. Dadurch werden wir auch ein Stück weit Zeuge von all den Prozessen, die in uns stattfinden. Das schafft automatisch einen gewissen Abstand. Wir werden fähig, uns selbst zu sehen und das kann helfen, in Entscheidungsprozessen den eigenen Anteil etwas besser zu erkennen. Bewahrt uns aber nicht davor, dass es überhaupt keine blinden Flecken mehr gibt. Aber es ist eine Hilfe.“

© Angela Krumpen

Manchmal aber ist es ganz einfach. Manchmal steht eine gemeinsame Wahrheit einfach am Himmel. Wenn die Sonne untergeht, zieht jeden Tag aufs Neue der Mond am Abendhimmel auf. Überall auf der Welt können wir ihn dann sehen. Überall auf der Welt sieht er anders aus. Und erinnert auf seine Weise daran, dass unser Leben in ein großes, unserem Verstand nicht zugängliches Geheimnis gewoben ist.

Verstehen aber können wir, dass wir immer nur Stückwerk sehen. Oder, um es mit Matthias Claudius zu sagen:

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Die Autorin
Angela Krumpen

Radiojournalistin, Autorin, Moderatorin und Kolumnistin.

Als Autorin reist sie zu Menschen, die die Welt nicht einfach hinnehmen wollen, erzählt von Solidarität in den Armenvierteln Chiles, von rettender Musik im Holocaust und von Versöhnung im Völkermord.

www.angela-krumpen.de

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