Vom Werden. Sind wir eigentlich am Anfang oder am Ende?

Weisheits-Journal

Ausgabe

04/2023
Weisheits-Quartett

Vom Werden. Sind wir eigentlich am Anfang oder am Ende?

Erst sind wir klein. Dann werden wir groß. Mal sind wir gesund. Und mal werden im November oder nach Karneval auf einmal alle krank. Wenn wir Glück haben, ist es nur eine Erkältung oder eine Grippe und wir werden wieder gesund. Am Morgen werden wir wach. Am Abend schlafen wir ein. Um am Morgen wieder wachzuwerden. Ob wir wollen oder nicht: Wir werden. Unentwegt. Aber bei dem „Immer-weiter-Werden“ sind wir ja auch immer schon geworden. Oder?

Alexandra Huss

Foto @ Martina Thalhofer

„Es gibt ein Werden, dass verhindert werden kann.“

Ich möchte für diese Ausgabe des Weisheitsquartetts und das Thema des „Werdens“ meine Schauspielperspektive verlassen und die Geschichte von Paul erzählen. Einem Schwein, das einige Monate bei uns auf dem Hof gelebt hat. Paul kam zu uns und hatte nur drei Beine. So wurde er geboren, und man merkte: Ihn störte das überhaupt nicht. Nach Herzenslust rannte und buddelte er sich durch den gesamten Hof und war die Lebensfreude pur. Doch Paul war ein Mastschwein.

Mastschweine kommen mit 4 bis 6 Wochen in die Mast, wo sie innerhalb eines halben Jahres ihr Körpergewicht auf 120 Kilo erhöhen. Bis sie dann geschlachtet werden. Außerdem haben die Mastschweine 3 bis 5 Rippen mehr, sie wurden ihnen angezüchtet, damit sie mehr Fleisch tragen. Vor Mast und Schlachten haben wir Paul gerettet und zu uns auf unseren veganen Hof geholt. Aber es war klar, dass er durch sein Gewicht, das durch die Züchtung von Tag zu Tag merklich höher wurde, nicht auf Dauer würde laufen können. Umso berührender war es zu erleben, wie er das Leben ergriff. Sein Werden war rasant, und er packte in die Zeit, die er hatte, alles, was er konnte. Als sein Körper schwerer und schwerer wurde und seine drei Beine ihn zunehmend weniger tragen konnten, wussten wir, dass es nicht mehr weiterging. Mit knapp einem halben Jahr haben wir ihn gehen lassen.

An Pauls Geschichte musste ich denken, als ich über das Werden nachdachte. Es gibt ein Werden, das verhindert werden kann – beispielsweise aufgrund von durch Züchtung limitierter Körper. Pauls Geschichte wirft für mich so viele Fragen auf: Gibt es ein Werden, das abrupt endet? Gibt es ein Werden, das über unsere körperliche Form hinaus immer weiter wird? Ich würde das Werden so gerne nicht linear und eher als einen Zustand sehen, der nie vergeht und sich doch ständig ändert wie ein Urprinzip des Lebens selbst.

Alexandra Huss übt seit einigen Jahren Zen. Gerade hat sie ihre Ausbildung als Schauspielerin mit einem Bachelor abgeschlossen. Zuvor hat sie zwei Semester Philosophie studiert. Heute lebt sie in der Schweiz auf einem Hof für vegane Landwirtschaft.

Jürgen Eschner

Foto @ Oliver Dietze

„Ist das Universum in unseren Köpfen ein neuer Anfang, der Keim einer Entwicklung auf einer anderen Ebene?“

Mir fällt zuerst die ganz große und frühe Werdensgeschichte des Universums ein, der Urknall vor 14 Milliarden Jahren, der mich immer wieder vielfach staunen lässt: Wie sich die Natur und ihre Gesetze plötzlich und im wahrsten Sinn des Wortes materialisiert haben; wie die vergleichsweise einfachen Gesetze etwas so kompliziertes wie das Leben hervorgebracht haben – und wie schließlich wir Menschen, die wir auch (nur?) eine Manifestation dieses Lebens sind, ein Verständnis, eine physikalisch-mathematische Beschreibung davon entwickeln konnten.

Wie also das Universum ein Abbild in unseren Köpfen gefunden hat, und das in weniger als dem letzten Millionstel des Weltalters. Kann die Natur überhaupt noch mehr als das hervorbringen? Schließt sich ein Werdenskreis damit, dass das äußere Universum (das vom Urknall) und das innere (das in unseren Köpfen) zur Einheit werden? Ist das ein Ende? Oder ist das Universum in unseren Köpfen ein neuer Anfang, der Keim einer Entwicklung auf einer anderen Ebene?

Prof. Dr. Jürgen Eschner, Physik, Universität Saarland, Die experimentelle Forschung von Jürgen Eschner und seinen Mitarbeitern widmet sich der kontrollierten Wechselwirkung zwischen Licht und Materie im quantenmechanischen Bereich.

Gerhard Bader

Foto @ Thomas Appel

„‚Vom Werden‘ klingt in meinen Ohren erst einmal unfertig oder so, als ob es ein Wohin oder Wozu gäbe, um ein Gewordensein zu erreichen.“

„Vom Werden“ klingt in meinen Ohren erst einmal unfertig oder so, als ob es ein Wohin oder Wozu gäbe, um ein Gewordensein zu erreichen. Hier am Benediktushof haben wir bis auf 3 Tage im Jahr geöffnet und bieten Tag für Tag viele „Werde-Kurse“, aber noch viel mehr „Sein-Kurse“ an. „Sein-Kurse“, also unsere Meditationsseminare, schulen eine Praxis des absichtslosen Gewahrseins bzw. des Seins im Augenblick. Das ist auch für uns als Belegschaft im täglichen Betrieb wichtig und eine Inspiration.

Jeder Mitarbeitende trägt jeden Tag aufs Neue Verantwortung für einen Teil des Gesamtkunstwerkes. Also für eine gute Atmosphäre für unsere Kursteilnehmenden und Kursleitenden, für einen stillen und ästhetischen Raum, für gutes, gesundes Essen, für einen reibungslosen Ablauf etc. Das funktioniert auf Dauer nur mit einem achtsamen Fokus auf den Augenblick und darauf, was jetzt gerade ansteht. Wenn uns das gelingt, können die Augenblicke wie auf einer Perlenschnur aufgereiht rückblickend etwas Gutes geworden sein. Und das zeigt sich immer wieder neu – auch in diesem 20. Jahr des Bestehens.

Gerhard Bader ist der Geschäftsführer des Benediktushofes in Holzkirchen, einem Zentrum für Meditation und Achtsamkeit in den Gebäuden eines ehemaligen Benediktinerklosters aus dem 8. Jahrhundert. Der studierte Wirtschafts-Ingenieur meditiert seit vielen Jahren.

Friederike Boissevain

Foto @ privat

„Reise ich gerade an oder ab?“

Ich soll schreiben über das Werden. Reise ich gerade an oder ab? Keine Ahnung. Ich sitze in meiner Strohdachhütte nach einem Arbeitstag mit vielen Gesichtern. Die Fragen des Tages versiegt, noch dieser Wortflug, dann darf ich die Buchstaben für heute ruhen lassen. Das sieht nach Ankommen aus.

Hier ist meine Heimat. Für diese Menschen mache ich mich gerne verfügbar – als Ärztin, in der Hospizarbeit, im Zen. Zu wissen, wo meine Füße sind, ist eine gute Voraussetzung zum Fliegen. Hier stehe ich, nach etlichen Umwegen. In diesem Körper, dessen Innenleben mich immer noch neugierig hält. Hier schaue ich, und endlich gefällt mir, wie meine Augen sehen.

Hier sehe ich mich Handeln, meistens aber falle ich mir selbst kaum auf. Gleichzeitig bin ich dauernd unterwegs. Obschon ich mich fast nicht bewege.

Ich reise durch mein Leben wie eine Touristin, die ihre Lieblingsorte aufsucht und sofort vergisst. Ist das Zen?

Dr. med. Dr. phil. Friederike Juen Boissevain MSc, Zen-Lehrerin in der Soto-Zen Tradition von Shunryu Suzuki. Sie ist Ärztin für Innere Medizin, Krebserkrankungen und Palliativmedizin, Vorsitzende eines ambulanten Hospizdienstes und Geschäftsführerin eines stationären Hospizes.

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