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Symposium der Stiftung – Die Kunst der Wahrheit
 

Das Symposium der Stiftung zur „Kunst der Wahrheit“ hat das Thema aus vielen verschiedenen Blickrichtungen beleuchtet. Ein Medienwissenschaftler, ein Neurobiologe, ein Richter, ein Kommunikationswissenschaftler und Kontemplationslehrer und eine Pfarrerin und Zen-Meisterin sprachen über die Wahrheitsillusionen, die Funktionsweise unseres Gehirns, Tugendhaftigkeit und darüber, dass Fake News keine Entwicklung unserer Zeit ist. Die Veranstaltung war ausgebucht und ist auf großes Interesse gestoßen. Hier stehen viele Vorträge des Symposiums jetzt online zum Nachhören und Sehen bereit.

Der bekannte Neurobiologe Dr. Gerald Hüther sprach über die „Neurobiologischen Grundlagen der Rechthaberei“. Unser Gehirn ist nicht fertig konstruiert, sondern wird durch die Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen, strukturiert. „Das Gehirn organisiert sich entlang von Lösungen und Vorstellungen, die sich aus der Erfahrung entwickeln und festigen.“ Das was im Hirn verankert wird sind daher nicht Probleme, sondern die Lösungen, die wir in unseren Erfahrungen gefunden haben. Das ist auch der Grund, warum wir in dem was wir regelmäßig tun immer besser werden. Manchmal identifizieren Menschen sich doch so stark mit ihren Lösungen

und Vorstellungen, dass sie unvereinbar mit anderen werden. Die Menschen könnten sich dann schon verstehen, die jeweiligen Vorstellungen sind jedoch unvereinbar.

Hier geht es zum Video:

Der Richter und Zen-Lehrer Bernd Groschupp ging in seinem Vortrag der Frage nach der Wahrheit(sfindung) vor Gericht nach.
Ein*e Richter*in entscheidet aufgrund der Beweislage. In der Würdigung der Beweise ist sie oder er frei und unabhängig. Bei der Entscheidungsfindung werden daher Erfahrungssätze aus der eigenen Lebenserfahrung angewendet, oft geleitet von Intuition.
Wie weit die Intuition eines Menschen greife, hänge von der Stille in seinem Geist ab. „Je stiller es in uns ist, desto ungestörter unsere Intuition.“

Der Maßstab, an dem sich Richterinnen und Richter bei der Wahrheitsfindung orientieren, ist ihr Eid „nach bestem Wissen und Gewissen“ zu entscheiden.
Genau das beschreibt auch die Haltung, die ein spirituell gereifter Mensch praktizieren solle so Groschupp.

Zum Video des ganzen Vortrags:

„Die Kunst der Wahrheit ist es, die Dinge in der Schwebe zu halten bevor du voreilig Gewissheiten konstruierst.“ so Claus Eurich in seinem Vortrag über „Nichtwissen, Gewissheit und Vertrauen im Prozess der Kontemplation“. Den Wahrheitsbegriff selbst sieht Claus Eurich als absolut, „entsprungen aus dem Kern der Wahrheit selbst“.
Während seines Vortrages entwickelte er fünf Säulen der Wahrhaftigkeit:

1) Rationalität im Sinn von Analysen und wissenschaftlichen Zugängen zur Gestaltung der Welt

2) Gefühle und Empfindungen, die „wahr sind, weil sie sind“ und die Wahrnehmung der Welt deutlich mitbestimmen
3) Intuition als eine „vorübergehende Durchbrechung des Unterbewussten zum Bewussten“ nach Henri-Louis Bergson
4) Weisheit, wie sie in allen Weltreligionen mit ihren großen Weisheitsgeschichten vorkommt, auch in Verbindung mit der „Wahrheit der Tugenden“
Und 5) Kontemplation als Erkenntnisweg.
Hier zitiert er Thomas von Aquin zur Wahrheit: „Wahrheit ist die Übereinstimmung unserer Gedanken mit der Wirklichkeit.“

Zum ganzen Vortrag:

Den abschließenden Beitrag „Die Wirklichkeit und ihr unzähligen Wahrheiten“ beleuchtete Doris Zölls, was das Zen zum Thema Wahrheit zu sagen hat: „Die unzählbaren Wahrheiten sind nicht falsch, eine Lüge ist in dem Moment, in dem sie in Erscheinung tritt wahr. In diesem Moment ist sie wirklich. Aber die Wahrheiten sind veränderlich. Wir aber wollen sie festhalten und halten sie für Abbilder der Wirklichkeit.“
Eingangs spricht sie von der Wirklichkeit, die sich in unendlichen Wahrheiten manifestiert. „Es war nie anders, nur bekommen wir es heute mehr mit.“ Sie

beschreibt in Anlehnung an das von Willigis Jäger häufig verwendete Bild der Wellen und des Meeres „Die Wahrheiten sind Erscheinungen dieses einen Ozeans. (…) Sie werden täuschend, wenn wir sie festhalten. (…) Wenn wir den Affen (Bild für den unruhigen Geist) zur Ruhe bringen, sehen wir in den Wellen den Ozean, in der Wahrheit die Wirklichkeit.“

Zum ganzen Vortrag:

Im gut gefüllten Zendo eröffnete Prof. Dr. Bernhard Pörksen kompetent und rhetorisch hochklassig mit seinem Vortrag „Warum Gewissheiten gefährlich sind und wir sie trotzdem brauchen“ das Wochenende. Er hielt ein Plädoyer für den „Situationismus“, der nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern zu verantwortlichem Denken und Handeln verpflichtet. „Es gibt Situationen, in denen man eindeutig für die eigene Wahrheit streiten muss.“ Zu Konflikten führen häufig die Wahrheitsillussionen (ich bin blind für die eigene Blindheit), von denen Pörksen zeigte, wie sie entstehen und durch welche Mechanismen sie aufrecht erhalten werden.

Der Round Table  von jeweils zwei Vertreter*innen der Kontemplation und des Zen ging auch der Frage nach, wie wir uns einigen, wenn unterschiedliche Wahrheiten im Raum stehen. Alexander Poraj und Angela Krumpen moderierten die Diskussion von Doris Zölls, Claus Eurich, Bernd Groschupp und Harald Homberger.

 

Hier geht es zum Video:

Impressionen