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Die Kunst des Lebens mit Nichtwissen und Unsicherheiten – Herbstcamp der Stiftung
 

Laura Melzer, eine junge Frau, angehende Psychologin und Autorin, die schon mehrmals an den Camps für Studierende und Auszubildende am Benediktushof teilgenommen hat, lässt uns an ihrem Erleben des Herbstcamps 22 teilhaben.

Die Kunst des Lebens mit Nichtwissen und Unsicherheiten – Herbstcamp 2022 von Laura Melzer

„Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich.” Das Zitat von Francis Paul Wilson spiegelt das Dilemma meiner Generation wider: Wir leben in einer Welt voller Ungewissheit bei einem gleichzeitigen Überangebot von Möglichkeiten. Uns wird suggeriert, wir könnten alles sein, während unsere Zukunft bedroht ist. Wie soll ich mein Leben gestalten, wenn mir die Orientierung fehlt? Wo finde ich Halt? Und wie gehe ich damit um, wenn alles anders kommt als geplant? Die “Kunst des Lebens mit Nichtwissen und Unsicherheit” lautet das Thema des diesjährigen Herbstcamps für Studierende und Auszubildende, geleitet von Alexander Poraj und Susanne Ahnert-Braun. 120 junge Menschen aus ganz Deutschland sind hierher angereist, um sich diese Fragen zu beantworten.

Ankommen

  Am Bahnhof Würzburg treffe ich auf die beiden Schwestern Leonie und Frederike mit ihrer Freundin Ali. Wir wollen uns das Taxi von Karins Funkmietwagen nach Holzkirchen teilen, wo inmitten der Würzburger Wälder das Kloster steht. Genau wie ich sind sie gespannt, was uns in diesem Jahr erwartet. Als mir vor einigen Jahren eine Kollegin den Flyer des Studentencamps in die Hand drückt und mit Leuchten in den Augen vom Benediktushof erzählt, bin ich verwundert, warum sie dort jedes Jahr hinfährt. ‘Reicht nicht einmal?’ frage ich sie verdutzt. Heute weiß ich, warum.
Es ist diese friedliche Stille, die der Ort ausstrahlt. Das Gefühl, bei mir selbst und im gegenwärtigen Moment anzukommen, wenn ich auf dem Meditationskissen sitze. Und die Verbundenheit zur Gruppe beim gemeinsamen Schweigen. Dabei hätte ich anfangs nicht gedacht, dass ich die Stille aushalte. Drei Tage lang nicht sprechen, kein Input von außen und kein Socializing (Vernetzen) mit den anderen – das konnte ich mir als Kölnerin bei weitem nicht vorstellen. Die Stille war für mich ungewiss. Aber genau in dem Moment, in dem es im Außen ruhig wird, finde ich inneren Halt.

Sonntagabend begrüßt uns Kerstin Rudolph von der West-Östliche Weisheit – Willigis Jäger Stiftung im Zendo, dem großen Meditationssaal. Etwa die Hälfte des Kurses ist zum ersten Mal da, auf Empfehlung von Freund*innen oder der Eltern, die andere Hälfte sind Wiederkehrer genauso wie ich. Während ich sonst voller Fragen angereist bin, bin ich diesmal hier, um zu üben. Ich möchte aufhören mit der Suche nach dem richtigen Job, dem richtigen Partner, dem richtigen Wohnort. Einfach ankommen und mich einlassen.

Nichtwissen

„Wir liefern euch keine Lösungen,” sagt der Zen-Meister, Alexander Poraj, in seiner Einführungsrede, „aber wir können euch Gedankenanstöße geben.” Er beschreibt, dass wir seit Generationen versuchen, Wissen anzuhäufen, und jede Generation davon überzeugt ist mehr zu wissen als die der Eltern. „Jede Epoche meint zu wissen, wo es langgeht.” Dabei konnte bisher niemand die Zukunft vorhersagen, wir seien alle ständig überrascht – von Erkrankungen, die sich weltweit ausbreiten, von Kriegen und den sich überschlagenden Ereignissen der Klimakrise. „Die Unsicherheit ist kein vorübergehendes Stadium. Nehmen wir an, sie ist der Grundausgangspunkt. Dann stellt sich die Frage: Wie gehe ich damit um?” Ein erster Schritt, so Alexander, sei es anzuerkennen, dass wir nicht wissen. „Wissen ist eine selbstgebastelte Narration, um emotionale Sicherheit zu erlangen,” reflektiert er. Im Zen gehe es um ein bewusstes, waches Nicht-Wissen. Damit sei nicht gemeint, keine Ahnung zu haben, sondern zu wissen, dass ich es nicht hundertprozentig wissen kann.

Erforschen

Ob intellektuell, spirituell, emotional oder körperlich – auf all diese Ebenen erforschen wir in den folgenden Workshops das Thema (Un-)sicherheit. Im Authentic Movement holt uns Cornelia Widmer aus dem Kopf und lädt uns zu intuitiven und spielerischen Bewegungen ein, begleitet von der Violinenmusik ihres Mannes. Ganz bedächtig und ruhig werden die Bewegungen im Taijiquan von Nabil Ranné.

Neben der achtsamen Körperarbeit schult Elsbeth Herberich beim Ikebana, der japanischen Kunst des Blumenstellens, unseren Blick für die kleinen Wunder der Natur. Einen neugierigen Blick nach innen wirft Peter Paanakker, der uns ganz praktische Tools für die Stärkung der Resilienz an die Hand gibt. Jordis Dony steckt uns mit ihrer Begeisterung für die Wirkung der Gruppe an und führt uns in die Theory U von Otto Scharmer ein. Zurück in die Gegenwärtigkeit holt uns anschließend Susanne Ahnert-Braun, die uns der Essenz unserer Werte näher bringt.

Präsenz

Im Montagmorgen starten wir um 6 Uhr mit dem schnellen Gehen um den Brunnen. Es gibt kein Ziel, ich muss nirgendwo ankommen. Und während meine Wahrnehmung mit dem Plätschern des Wassers und dem Takt der Schritte verschwimmt, werden meine Gedanken langsam klarer. In den kommenden drei Tagen üben wir Präsenz – im Sitzen, beim Essen und in der achtsamen Arbeitszeit. Wie anstrengend das Üben ist, scheine ich im Rückblick immer zu vergessen. Erst auf dem Kissen merke ich, wie mein Fuß anfängt zu kribbeln, ich spüre die Anspannung in meinem Rücken und meine innere Getriebenheit.  

 

Ein Phänomen unserer heutigen Gesellschaft? Das Symptom meiner Generation? Wir diskutieren am Abend gemeinsam über die großen Fragen, die uns beschäftigen: Wer bin ich? Und was ist meine Aufgabe? Werfen einen kritischen Blick auf das Spannungsfeld zwischen Gegenwärtigkeit und Zukunftsorientierung: Wohin mit unseren Träumen und Zielen, wenn wir nicht mit Sicherheit vorhersagen können, ob sie wahr werden? Und wie lassen sich die verschiedenen Perspektiven der Lehrer*innen miteinander vereinbaren? Bis wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen: Es geht ums Üben der Präsenz. Denn hier, in diesem Moment, kann ich feststellen, so Alexander: „Wir sind schon längst da, inmitten des Wunders, das Leben ist.” Und wir können schauen, was das Leben mit uns vorhat und ob die Lebenspläne lustiger sind als das, was die Narrationen in unseren Köpfen hergeben.

Die Camps bieten Studierenden und Auszubildenden die Möglichkeit, sich Themen zu widmen, die ihnen im Zusammenhang mit dieser besonderen Lebensphase am Herzen liegen und die vielleicht aktuell viele Menschen beschäftigen. Sie finden zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst statt.  Im Rahmen der Projekte für die “Generation Zukunft” veranstaltet und fördert die West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung die Camps am Benediktushof.

Hier können Sie die Camps mit Ihrer Spende unterstützen.