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Über Kontemplation

GESCHICHTE DER KONTEMPLATION

Kontemplation ist ein Weg der Versenkung in das Innere, in den Seelengrund, in mein eigentliches Selbst. Versenkungswege kennen alle großen spirituellen Traditionen und oft haben sie sich gegenseitig beeinflusst.

ANTIKE VORLÄUFER DER CHRISTLICHEN KONTEMPLATION

Der griechische Philosoph Plato (427-347 v. Chr.) zeigt in seinem berühmten Höhlengleichnis einen Weg, der den Menschen zur wahren Erkenntnis seiner selbst und der Welt bringen soll. Vom Höhlengleichnis wurde später der Dreischritt, der den kontemplativen Weg als „Läuterung – Erleuchtung – Einheitserfahrung“ beschreibt abgeleitet.

Der hellenistisch gebildete Jude Philo von Alexandrien (ca. 20 v.Chr. - 50 n.Chr.) hat eine Praxis zur Zentrierung des Bewusstseins entwickelt, eine Praxis der Versenkung, die durch äusseres und inneres Schweigen zur Erfahrung der Einheit allen Seins führt. In seiner Schrift „De vita contemplativa“ („Über das kontemplative Leben“) beschreibt er eine ordensähnliche Gemeinschaft der „Therapeuten“, wie er sie nennt, weil sie nicht nur den Körper, sondern auch die Seele heilen können.

KONTEMPLATION UND NEUES TESTAMENT

Das Neue Testament berichtet mehrmals, dass sich Jesus in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um in der Stille zu beten. Der Satz aus der Bergpredigt „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8) wurde später als Verweis auf die Kontemplation verstanden: von der Läuterung zur Erleuchtung und Einheitserfahrung als „Schau göttlicher Wirklichkeit“.

DIE ENTFALTUNG DER KONTEMPLATION VOM FRÜHCHRISTENTUM BIS ZUM BEGINN DER NEUZEIT

Im 3. Jahrhundert begannen die Anachoreten– auch Wüstenväter und -mütter genannt – in den Wüsten Ägyptens und Palästinas Praktiken der kontemplativen Übung zu entwickeln. Sie saßen in der Stille in ihren Kellions („Zellen“) und praktizierten vor allem das mantrische Gebet, um zur Hesychia („Herzensruhe“) zu gelangen. Hier beginnt die grosse kontemplative Tradition des Herzensgebetes und die kontemplative Praxis des wortlosen Sitzens in der Stille. Die Klöster und Ordensgemeinschaften der West- und der Ostkirche haben diese kontemplativen Praktiken weitergeführt und sind die wichtigsten Träger der Kontemplation geblieben.

Im 13./14. Jahrhundert haben die Dominikanermönche Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seusemit ihren auf deutsch geschriebenen Texten und Predigten dazu beigetragen, dass die Kontemplation über die Klöster hinaus Verbreitung fand.

BLÜTE UND NIEDERGANG VON KONTEMPLATION UND MYSTIK IN DER NEUZEIT

In Spanien haben im 16. Jahrhundert Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz Mystik und Kontemplation zu einer neuen Blüte gebracht.

Nach ihnen sind Mystik und Kontemplation immer mehr in den Hintergrund getreten oder überhaupt verschwunden.

DIE WIEDERENTDECKUNG VON MYSTIK UND KONTEMPLATION IM 20.JHDT.

Erst im 20. Jahrhundert wurde die Kontemplation als mystische Praxis neu entdeckt und gepflegt. Wichtig war dafür die Begegnung mit fernöstlichen spirituellen Wegen wie Zen, Vipassana oder Yoga. Hugo Enomiya Lassalle SJ, Willigis Jäger OSB und andere haben diese fernöstlichen Wege lange Zeit selbst praktiziert und sie dann nach Europa gebracht. Dabei wurde auch die eigene kontemplative Tradition neu entdeckt und suchenden Menschen zugänglich gemacht.

Immer mehr Menschen praktizieren Kontemplation als wort- und bildloses Gebet. Sie finden darin eine Alternative oder Ergänzung zu einer überaus wortlastigen Spiritualität.