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Doris Zölls: Herbst Drucken

Herbst – Zeit der Bewusstwerdung

 

Die Tage werden schon spürbar kürzer und schon kommt die Zeit, in der wir die Wärme suchen und uns wieder zurückziehen werden in unsere Häuser.

 

Die Jahreszeiten sind ein Spiegel für unser Seelenleben. So kann der Frühling für unser Erwachen stehen, für das Aufbrechen aus unseren harten Schalen der Konditionierungen und Verkrustungen. Der Sommer zieht uns dann nach draußen, wir öffnen uns der Welt und blühen auf. Die Blüten können jedoch nicht immer Blüten bleiben, auch sie müssen sich wandeln, wie alles andere auch, sie werden zur Frucht reifen. Der Herbst drängt uns zur Reife und lenkt gleichzeitig unseren Blick wieder von Außen nach Innen, auf uns selbst; nicht von ungefähr liegen im Herbst das Erntedankfest und Michaeli. Der Winter schließlich steht für den Rückzug, für das Erkennen, wer wir wirklich sind, so feiern wir in dieser Zeit unsere Christgeburt.

 

Sind wir sehr umtriebig, begegnen vielen Menschen, sind im Austausch mit ihnen und gleichzeitig auf unsere Arbeiten und Aufgaben konzentriert, besteht leicht die Gefahr, dass wir uns darin verlieren und wir von der Illusion vereinnahmt werden, wir, sprich unser Ich, könne dies alles tun. Wir sind leicht verführbar, unseren Aktivitäten das Ich aufzudrücken, und nehmen nicht mehr wahr, wie es doch das eine große Leben ist, das sich in mir in jedem Augenblick vollzieht. Unser Ich jedoch macht uns glauben, alles hänge an ihm. Ich bin es, der alles bewegt und hervorbringt. Dies ist die große Illusion. Es ist das Leben selbst, das sich in allem und auch in mir ausdrückt. Mein Ich ist ein Gedanke, der sich auf das Geschehen setzt und mir den Eindruck vermittelt, ich bin es, der das Leben kreiert. Das kann auch sehr belastend sein, gerade wenn sich das Leben nicht so vollzieht, wie ich es mir vorstelle. Ich fühle mich dann als Versager. Entspricht hingegen das Leben meinen Vorstellungen, erfasst mein Ich sehr schnell der Stolz, wie gut es doch ist, dies alles so wunderbar hinzukriegen.

 

Die Natur kann mit ihrer Schönheit und Macht diesem Streben des Ichs Einhalt gebieten. Sie zeigt uns, wie alles ineinandergreift, alles mit einander verwoben und von einander abhängig ist, und stellt unser Ich aus seiner exponierten Stellung an seinen angemessenen Platz, nämlich dass es selbst auch „nur“ ein momentaner Ausdruck des Lebens ist, und zeigt ihm damit seine Grenzen auf. Gleichzeitig erhebt die Natur mit ihrer Schönheit unsere Seele. Wer von uns kennt nicht diese berührenden, ja fast überschäumenden Momente, die der Blick in eine weite Landschaft uns schenkt, die Faszination beim Anblick eines klaren Sternenhimmels. Die Natur ist auf unserem Weg eine kraftvolle Begleiterin und wir sollten sie nutzen, sie wahrnehmen, sie auf uns wirken lassen, uns auf sie einlassen, eins werden mit ihr.

 

Bei diesem Prozess werden wir schnell erfahren, dass neben den erhebenden Momenten, sich auch dunkle Seiten auftun, vielleicht sogar Abgründe, die uns unsere Niedrigkeiten zeigen. In den Geschichten der Menschheit werden diese Abgründe oft personifiziert, werden als Dämonen beschrieben, die uns überfallen, aber auch mit dem Bild eines Drachen werden sie oft gemalt, der uns bedroht und in die Finsternis reißen möchte. Hui Neng, der 6. Patriarch beschreibt die Beherrschung seiner Emotionen als Sieg über den Drachen.

 

Was heißt jedoch die Beherrschung der Emotionen, wie kann das geschehen? Emotionen sind in uns, sie weg haben zu wollen, geht nicht. Es wäre, als ob man das Leben begrenzen oder beschneiden wollte. Wir haben es sicher alle schon erlebt, wir können die Emotionen nicht wegdrängen, wohin denn? Sie wären nur aufgestaut wie ein Fluss, der alles überschwemmt, wenn der Damm bricht. Dennoch, auch wenn wir sie nicht verdrängen, erleben wir sie oft, wie sie uns beherrschen, wir sie nicht halten können und von ihnen über- und weggeschwemmt werden.

 

Die Legende des heiligen Georg, der die Königstochter rettet, indem er den Drachen besiegt und ins Meer zurückwirft, zeigt in ihren Bildern sehr schön den Weg, die Emotionen zu bändigen. Wir können unserem Drachen nicht entfliehen, wir müssen uns ihm stellen, ihn als Ausdruck des Lebens annehmen und nicht wegdenken wollen. Gleichzeitig jedoch lassen wir uns von ihnen nicht überwältigen, wir halten stand. Tauchen die Emotionen auf, bleiben wir im Gewahrsein, versuchen uns nicht mit ihnen zu identifizieren, d. h. wir geben ihnen keine Benennung, kein Warum und kein Wieso, kein Subjekt und kein Objekt. Wir bleiben da, wie die Königstochter, die sich nicht anbinden und die Augen zubinden lässt, sondern ruhig stehen bleibt und dem Drachen ins Gesicht schaut. Diese Haltung nimmt dem Drachen die Kraft und er wird überwältigt und ins Meer des Lebens zurückgezogen, was als Kampf des Ritter Georg beschrieben wird.

 

Der Herbst mit seinen beiden Festen, dem Erntedank- und dem Michaelifest, kann ein Bild dafür sein, sich der Illusion unseres unabhängigen Ichs und den damit sich auftuenden Widrigkeiten bewusst zu werden. Wach zu sein, nichts zu verdrängen, sondern einfach ins Gewahrsein zu gehen, lässt uns aus dem Strudel der Illusionen und der Verhaftungen ausbrechen. 

 

Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Herbst, mit vielen und langen Spaziergängen in der Natur. Sie können zur Übung des einfach Schauens, des Nur-Gewahrseins werden, das uns zu unserem wahren Selbst führt. Lasst Euch von der Schönheit und Größe des Lebens erfassen, werdet eins mit ihr und erkennt Euer wahres Selbst.

 

 

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