Benediktushof - Zentrum für spirituelle wege
Willigis Jäger Ostergruß
 
Willigis Jäger: Älterwerden Drucken

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

 
kürzlich habe ich meinen 88. Geburtstag gefeiert. Für die vielen Glückwünsche bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich. Ich wünsche Euch allen, dass ihr diese Zahl erreicht und übertrefft. Einige wollten mehr über mein Leben wissen. Ich empfehle euch dazu mein Buch „Das Leben ist Religion“, Verlag Kösel. Darin findet ihr mein ganzes Leben.
 
Auch wird immer wieder die Frage nach dem Älterwerden an mich herangetragen. Wie verhält es sich mit dem Älterwerden? Wir leben in einer Kultur, in der jung sein verherrlicht wird. Altern erhält wenig Verständnis und Unterstützung. Aber unser menschliches Leben ist ein dauerndes Werden. Das gilt auch dann noch, wenn die Körperkräfte nachlassen, wenn Hören und Sehen eingeschränkt werden. Gerade dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens in entscheidender Weise neu. Das Durchleben dieser extremen Situation kann zu einer nie dagewesenen Begegnung mit sich selber führen und zu einem ganz neuen Offensein für den Seinsgrund des Lebens.
 
Wie können wir dem Altwerden positiv begegnen?
 
1. Den Prozess des Alterns annehmen und zu jeder veränderten Stufe des Lebens Ja sagen. Wenn wir erst einmal die neuen Möglichkeiten entdecken, die nur das reife Alter zu geben vermag, dann wird diese Zeit nicht ein passives Dahindämmern, sondern die Erfüllung menschlicher Existenz.
 
2. Das Alter ist eine Zeit der stärkeren Hinkehr zu dem Seinsgrund, der unser wahres Leben ist. Es gibt uns die Chance, weise zu werden. Lange Zeit ist der Mensch eingespannt in Sorge und Verantwortung für Familie und Lebensunterhalt. Im Alter lässt sich zu manchen Dingen Distanz gewinnen und eine ganz neue Sichtweise zum Leben, zur Liebe, zur Welt und zu den Menschen. Weisheit kann nicht aus Büchern gelernt werden. Sie ist das Ergebnis eines schrittweisen Wachsens und Reifens. 
 
3. Das Interesse und die Freude an schönen Dingen, an Musik, Literatur und Religion wächst. Die Psychologie sagt uns, dass der Menschen nicht einmal mit der Hälfte seiner psychischen und geistigen Kraft lebt. Viele Zimmer im Hause unserer Seele sind verschlossen und werden nie geöffnet. Manche ältere Menschen entdecken plötzlich Möglichkeiten und Energiequellen, von denen sie bis jetzt keine Ahnung hatten. Dieses latente Potential zu nutzen, ist unser Aufgabe. Es ist nie zu spät, unerforschte Bereiche der Persönlichkeit zu entdecken und zu entwickeln. Unser Leben ist zeitlos. Es gibt ein Wort von Luther: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." 
 
4. Der Angst begegnen. Angst ist unbestimmt und unspezifisch, auf keinen klaren Gegenstand bezogen. Diese Angst ist es, die oft den älteren Menschen quält. Sie bedroht die Persönlichkeit, kann lähmen und zerstören. Aber Angst und Bedrohung können auch eine positive Wirkung haben, indem sie ein Ja zu unserer Begrenztheit bewirken. So wird Angst zur heilsamen Erfahrung der Wahrheit über unsere Sterblichkeit. 
 
5. Nicht von Sorgen niederdrücken lassen. Ein Japaner wurde von einem Missionar gefragt, was ihn denn veranlasst habe, Christ zu werden. Ohne Zögern antwortete er: „Die Stelle der Bergpredigt: 'Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt' (Mt 6,25).“ Und er fuhr fort: „Ich machte mir im Laufe des Lebens um vieles Sorgen, um die Gesundheit, um die Kinder, um die Zukunft, um das Altwerden. Ich konnte mich niemals wirklich gelöst und glücklich fühlen. Aber dann las ich die Stelle aus der Bergpredigt.“
 
6. Das Leid annehmen. Im Leiden des Alters erfährt der Mensch die ganze Bedeutung des Wortes Jesu: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.“ (Jo 12,24) Man versteht dann auch ein anderes Wort Jesu, das er einmal zu Petrus gesprochen hat, in seiner ganzen Tragweite: „Amen, ich sage dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,18) Viele von uns erfahren oder werden eines Tages schmerzlich erfahren, dass sie nicht mehr gehen können, wohin sie wollen und dass sie dorthin gehen müssen, wohin sie nicht wollen. 
 
7. Trauer. Je älter wir werden, um so öfters müssen wir von lieben Menschen Abschied nehmen. Es ist sehr wichtig, dass wir uns einem Verlust stellen. Das Loslassen gehört zu den schwierigsten Aufgaben unseres Lebens, und doch ist es mit die wichtigste. Alles, was wir festhalten, ist für uns tödlich. Wenn wir den Atem festhalten, ersticken wir daran. Wer festhält, hindert sich am Wachsen und Reifen. Auch einen lieben Menschen sollten wir nicht festzuhalten versuchen, wir hindern ihn sonst an seiner Vollendung. Wir dürfen trauern. Aber in diesem Trauern ist Dankbarkeit für die Begegnung und Hoffnung auf ein Wiederbegegnen. 
 
8. Religiöse Dimension im Alter. Alles hat seine Zeit (Koh 3,1.2; 4,5). Das Alter gibt uns die Möglichkeit zur religiösen Reife. Wir können erfahren, dass, je mehr die Kräfte abnehmen, um so mehr der göttliche Seinsgrund der tragende Aspekt des Lebens wird. In der Ohnmacht und Schwäche vollendet sich dieser zeitlose Seinsgrund, der unser wahres Wesen ist. Wenn wir nichts mehr tun können, als uns dem liebenden Erbarmen zu überlassen, sind wir diesem zeitlosen Seinsgrund am nächsten. 
 
9. Sterben, um zu leben. Nur wenn wir uns dem Tod stellen, können wir Ja zum Leben sagen. Wir meinen unsere Zeit auf der Erde sei doch sehr kurz. Aber wenn wir begreifen, dass unser wahres Wesen keine Zeit kennt, verstehen wir Leben und Sterben ganz anders.Alles Leid und alle Angst kommen aus der Tatsache, dass wir nicht wissen, wer wir wirklich sind. Dieses sterbliche Leben ist hier und jetzt ein Ausdruck des Ewigen Lebens. Was wir zutiefst sind, ist zeitlos. Wir können es Leben Gottes nennen, aber Gott ist der Name dieses Seinsgrundes, aus dem alles entsteht. 
 
Der Tod ist in der Mystik Übergang – Rückkehr in den Ursprung des Seins. Die wirkliche Mystik trennt nicht zwischen Diesseits und Jenseits. Was wir Diesseits nennen, ist der begrenzte Bereich, den wir mit Verstand und Sinnen erfahren. 
 

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