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Überlegungen zu einer Grundposition für das Kuratorium
Spiritualität & Wirtschaft:

 

Die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft ist von einer tiefen Krise gekennzeichnet, konstatieren die Autoren: Kennzeichen sind immense Staatsverschuldungen, Überkapazitäten, globale Verteilungsprobleme und ein Finanzsystem, das sich von der realen Ökonomie entkoppelt hat. Neues, nachhaltiges Wirtschaften sei dem gegenüber nur möglich, soweit die handelnden Menschen selbst einen Willen zur Veränderung verspüren. Vor diesem Hintergrund gebe es viele Fragen an ein „ideales Wirtschaftssystem“.   

  

„Weltverantwortung kann nur Tragen, wer im Innersten erfahren hat, was er zutiefst ist – einer der die Zusammenhänge von Individuum und Ganzheit erfasst hat.“
(Willigis Jäger)
 
Die nachstehenden Ausführungen setzen sich mit der aktuellen Situation der vorherrschenden Wirtschaftssysteme auseinander und versuchen eine Erklärung der bestehenden Denk- und Werthaltungen anzubieten.
Die weiteren Überlegungen wollen einen Ansatz beschreiben, wie die von der Stiftung vertretenen Inhalte im Idealfall in ein wirtschaftliches System zu übertragen wären.
 
1) Die gegenwärtige Situation der freien Wirtschaftssysteme
Die Wirtschaft befindet sich weltweit in einer tiefen Krise, deren Umfang und Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Die aktuellen Meldungen über eine Steigerung der Wirtschaftsleistungen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass diese in erheblichem Umfang auf staatlichen Konjunkturprogrammen zum Preis einer noch höheren Staatsverschuldung basieren. Die grundsätzliche Problematik von Überkapazitäten in den Industrieländern wird dadurch vorübergehend ebenso verdeckt wie die Tatsache, dass die Errungenschaften des Sozial- und Wohlfahrtsstaates in den europäischen Ländern schon seit Jahrzehnten „auf Pump“ finanziert sind.
 
Gleichzeitig werden in den sog. Entwicklungsländern, die nicht über die Möglichkeiten einer staatlichen Neuverschuldung aufgrund ihrer zurück bleibenden Wirtschaftsleistung verfügen, das Ausmaß der ungelösten globalen Verteilungsprobleme in Form von Unruhen sichtbar, die ihre Ursachen in steigenden Lebensmittelpreisen und dem Fehlen von Lebensperspektiven haben.
Nachdem es der Finanzwirtschaft gelungen ist, ihre erheblichen Verluste aus den Jahren 2008/2009 zu sozialisieren, konnte sie im Wesentlichen zu ihren bisherigen Geschäftsmodellen zurückkehren, die die Ursache für die zurückliegende und bestehende Krise darstellten. So beträgt die Summe aller Produkte der Finanzwirtschaft 200.000 Bill. Dollar, wovon allein 120.000 Bill. Dollar mit dem Handel von Schulden-Papieren getätigt werden. Allein das Volumen der sog. Derivate beträgt wertmäßig mehr als das 10fache aller Waren und Dienstleistungen in einer Periode.
 
Nach meiner Auffassung handelt es sich hierbei jedoch nicht um Entgleisungen und Fehlentwicklungen, wie sie häufig beklagt werden, sondern um eine folgerichtige Fortführung des kapitalistischen Finanzsystems. Ursprünglich als Dienstleister für staatliche Vorhaben und wirtschaftende Unternehmungen begründet, hat sich das Finanzsystem zwischenzeitlich von der Realwirtschaft entkoppelt und ist in vielen Fällen schon zu Bedrohung von Staaten und Unternehmen geworden.

2) Wirtschaften als Prinzip zur Behebung von Mangel
Nach seinem Ursprung ist Wirtschaften der sparsame Umgang mit vorhandenen Mitteln zur Erreichung eines bestimmten Ziels. Nach dem Wirtschaftlichkeits-Prinzip soll ein definiertes Ziel mit geringst möglichen Mitteln erzielt oder aber aus den vorhandenen Mitteln ein maximales Ziel erreicht werden. So verstanden ist Wirtschaften eine optimale Bearbeitung eines Mangels. Mit Blick auf die bestehenden Wirtschaftssysteme ist eine größer werdende Abweichung von diesem Prinzip zugunsten einer Minimierung von Kosten bei gleichzeitiger Erreichung eines maximalen Umsatz- oder Ertragsziels zu verzeichnen, was in deutlichem Gegensatz zu dem vorbezeichneten Wirtschaftlichkeits-Prinzip steht. Nur so ist zu verstehen, dass Unternehmen trotz Rekordgewinnen noch Arbeitskräfte freisetzen.
 
Die bestehenden Wirtschaftssysteme nehmen für sich in Anspruch, durch ihr Handeln einen Wohlstand für alle zu bewirken. Das trifft auf ein Drittel der Weltbevölkerung auch zu. Dem gegenüber stehen eine Milliarde Menschen, die an Hunger und den Folgen von Unterernährung leiden. Die verbleibende Majorität verfügt über ein Existenz-minimum und gilt statistisch gesehen als arm.
Die technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten versetzen uns heute schon in die Lage, den Mangel an Gütern global zu beheben. Die bestehende landwirtschaftliche Produktion würde bereits für eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ausreichen. So gesehen ist die bestehende Mangelsituation auf eindeutige Fehler des Systems zurück zu führen.
 
Der Mangel an Gütern ist in den Industrienationen behoben. Tatsächlich wird in vielen Bereichen bereits mehr produziert als verbraucht : So werden in Deutschland beispielsweise 50 % mehr an Lebensmittel und Medikamenten produziert, als von der Bevölkerung nachgefragt und verbraucht werden. Die technologischen Möglichkeiten auf Grund der Überkapazitäten in fast allen Produktionsbereichen sind Absatzstrategien entstanden, die ein „Ich habe zu wenig zum Leben“ in ein „Ich bedeute zu wenig im Leben.“ gewandelt haben. Produkte dienen heute nicht mehr nur der materiell-existenziellen Sicherung, sondern eher der mentalen Befriedigung, der sozialen Bedeutung und der individuellen Unterscheidung. Die Grundbedürfnisse und der Wunsch nach einem angenehmeren und komfortableren Leben sind von denen nach Anerkennung und Zugehörigkeit eines Ego-basierten Anspruchs abgelöst worden.
 
Die Ursachen für diese Entwicklungen sind aber nicht in den Wirtschaftssystemen selbst zu suchen, sondern in den Entwicklungen des in ihnen handelnden Menschen. Dabei ist jedoch nicht zu verkennen, dass die bestehenden Wirtschaftssysteme eine Eigendynamik entwickelt haben, in denen es zur Umkehrung der Beziehung von Sinn und Zweck gekommen ist.
Der Paradigmenwechsel für eine andere Sicht des Wirtschaftens kann demnach lauten: „Wie könnte ein Wirtschaftssystem gestaltet werden, das sich statt am Mangel an der Fülle orientiert?“

3) Mensch - Natur - Schöpfung
Auf der materiellen Ebene ist die Geschichte des Menschen seine Auseinandersetzung mit der Natur. Nur aus ihr konnte er beziehen, was er für sein Überleben brauchte. Um seine grundlegenden Bedürfnisse befriedigen zu können, musste er sich einem täglichen Existenzkampf stellen. Er erlebte die Natur als feindlich, der er „sein tägliches Brot“ abringen musste. Die Unberechenbarkeit der Natur stellte ihn vor immer neue Herausforderungen, denen er sich über Jahrtausende stellen musste.
 
Es ist die Entwicklung der Denkfähigkeit des Menschen gewesen, die ihn in die Lage versetzt hat, sein Überleben immer besser zu sichern. Aber Missernten und Massenepidemien konnten ihn noch vor 200 Jahren auch um seine physische Existenz bringen. Die Entwicklung seiner Denkfähigkeiten und der daraus folgenden Handlungsmöglichkeiten hat ihn im Laufe seiner Geschichte in die Lage versetzt, sich weitestgehend von der Unberechenbarkeit der Natur unabhängig zu machen. Diese Unberechenbarkeit der Natur ist es, die die Naturwissenschaften in ihrem Fortschreiten, die Natur berechenbar zu machen in den letzten Jahrhunderten über die Geisteswissenschaften gesetzt hat. Mit der zunehmenden Beherrschbarkeit der Natur hat sich der Mensch selbst als „Krone der Schöpfung“ begriffen. Darin wird er von kulturellen und religiösen Werten – hier vor allem aus den christlichen Religionen – bestätigt. (Thomas von Aquin: „Der Mensch ist das höchste Geschöpf.“ oder „Die Welt ist um des Menschen Willen da.“). Bis in die Neuzeit hat sich diese Ausnahmestellung des Menschen gehalten. Karl Rahner dazu: „Die Schöpfung ist nicht Gott, sondern wirklich numinos und darum wird sie mit Recht als „Stoff“ für die schöpferische Kraft des Menschen betrachtet.“

Die so entstandene Selbstdefinition des Menschen gibt ihm scheinbar die moralische Rechtfertigung, sich über die Natur und Schöpfung zu erheben und sich als Sonder-Phänomen abzuspalten. So durch Moral und eigene Fähigkeiten gerechtfertigt, stehen seinem Eigennutz die Natur und Kreaturen scheinbar unbegrenzt zur Verfügung. Ihm steht es zu, nicht nur den in Millionen von Jahren gewachsenen Ertrag zu ernten, sondern auch das Vermögen der Natur zu liquidieren.
 
Die Ursache für diese Einstellung liegt in seinem Denken begründet, dass ihn im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen in die Lage versetzt, Erfahrungen zu reflektieren, Zukünftiges zu planen und vor allem sich selbst reflektierend in Beziehung zu allem zu setzen.
 
Es ist dieses selbstreflektive Denken, das es dem Menschen möglicht macht, sich selbst zu definieren und sich eigene Identitäten zu schaffen. Das Bewusstsein seines freien Willens eröffnet ihm Handlungsoptionen, die ihn zudem unabhängig von seinen Wahrnehmungen machen.
Die Fähigkeit, auch das Gedachte bedenken zu können, wird mit zunehmender Unabhängigkeit von materiellen Sorgen immer mehr zur grundlegenden Definition seiner irdischen Existenz („Descartes: „Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich.“)
Die jüngsten Forschungsergebnisse der neurologischen Wissenschaften stellen diese, seit dem 17. Jahrhundert kolportierte Überzeugung jetzt aber infrage: Ist der Mensch wirklich das, was er denkt?
 
Die mystischen Wege in allen großen Religionen sind schon immer davon ausgegangen, dass der „denkende Mensch“ nur eine Konstruktion seiner Gedanken ist, die sich jedoch von seinem „wahren Selbst“ unterscheidet. Spiritualität kann so verstanden dann beginnen, wenn es ein Bewusstsein dafür gibt, dass die menschliche Existenz mehr ist als ein denkendes, mit einem freien Willen versehenes Ego. Wer sich auf die Suche nach dem „Wer bin ich?“ macht, erschließt sich weitergehende Möglichkeiten, für sein Leben eine Sinndeutung zu erfahren.

4) Spiritualität und Wirtschaft:
Es ist im hohen Maße zweifelhaft, ob es in den bestehenden, Ego-getriebenen Wirtschaftssystemen die Bereitschaft und ein Gewinde gibt, das spirituelle Inhalte aufnehmen kann. Nach den bisherigen Erfahrungen gibt es in so gestalteten und funktionierenden Systemen und Organisationen keine Zugänge zur Vermittlung und Umsetzung von spirituellen Ansätzen. Die zu beobachtenden Versuche müssen zum Scheitern verurteilt sein, weil sie von einem so grundlegend anderen Verständnis ausgehen, das mit den vorherrschenden Überzeugungen und Werthaltungen nicht kompatibel ist.
 
Auch können die Versuche von ethischen Implementierungen in den bestehenden Wirtschaftssystemen kaum zu nachhaltigen Verbesserungen führen, solange die handelnden Menschen selber nicht eine Veränderung ihres Bewusstseins erfahren haben. Eine Reformierbarkeit von Systemen und Institutionen sind also nur über den persönlichen Veränderungswillen des Einzelnen machbar.
 
Dabei greifen die Forderungen nach einer „Wirtschaft für den Menschen“ zu kurz. Auch die bestehenden Systeme sind für den Menschen gemacht. Vielmehr müssten sich zukünftige Überlegungen für eine neue Wirtschaft statt an „Eigennutz und Mangelbehebung“ an einer „Wirtschaft der Fülle und Verbundenheit“  orientieren, die den Menschen dienend in die Schöpfung (re-)integriert. Nur so ist zu erreichen, dass der neurotische Kampf des Menschen gegen die Natur und Kreaturen beendet wird, der sich in seinen Ausmaßen schon als industrieller Krieg der Ausbeutung der Schöpfung entwickelt hat. Dann könnte erreicht werden, dass der Mensch seine Aufgabe erkennt, die Natur als Kapital und Vermögen für seine Lebensgrundlage zu begreifen, die er zu pflegen und zu erhalten hat - auch um seiner eigenen Spezies das Überleben zu sichern.
 
Was also bleibt, ist die Aufgabe, ein Bewusstsein für die Begrenzung des Egos zu schaffen und ein Angebot zu formulieren für die  Begleitung derer, die durch eigene Sinnfragen und/ oder erheblichen Leidensdruck zu Veränderungen bereit sind. Nur mit in diesem Sinne „Nachdenklichen und Erwachten“  ist die Gestaltung eines neuen, nachhaltigen Wirtschaftens denkbar.

Vor dem Hintergrund von Fülle und Verbundenheit stellen sich viele Fragen an ein ideales Wirtschaftssystem grundsätzlich neu, wie z.B.:
 
•    Wie können Güter und Leistungen gleichmäßig und gerecht verteilt werden?
•    Wie sind Besitz und Eigentum danach zu bewerten?
• Wie sieht in den Industrienationen ein sich selbst beschränkender Lebensstil aus, der mit neuen Verbrauchsmustern und nachhaltigen Produktionsverfahren einen realistischen Wohlstand für alle ermöglicht?
• Welchen Beitrag kann ein sich dem Ganzen verbundenes Wirtschaftssystem für die Entwicklung  des Menschen erbringen?
• Wie definiert sich „menschliche Arbeit“ über den erwerbswirtschaftlichen und physikalisch-mechanistischen Begriff hinaus?
• Was wäre von diesen Voraussetzungen ausgehend dann zukünftig als Leistung zu bezeichnen?
• Was wollen wir zukünftig unter Fortschritt verstehen?
•    Wie lassen sich Intuition und Inspiration in wirtschaftliche Entscheidungsprozesse integrieren?
•    Was bedeutet Führung von Menschen auf der Basis von Verbundenheit?

Die vorstehenden Fragestellungen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, können aber zeigen, wo zukünftig Arbeitsfelder für das Kuratorium „Spiritualität und Wirtschaft“ entstehen können.
 
Holzkirchen, im Februar 2011
 
Dr. Ulrich Freiesleben (Informationen zum Autor finden Sie hier)
Regina Gibhardt
Constanze von Rheinbaben
Torsten Schrör
Thomas Terhaar

 
 

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